Marietta
Gullotti

Würdigung

Zum Arbeitsprozess bei Marietta Gullotti

 

Als erstes wird mit grosszügigem Schwung ein erster Entwurf auf die Leinwand gebracht, sozusagen ein Energiegrund. Nun erfolgt die gewissenhafte, akribische Arbeit: Das Erfassen und Wiedergeben der Formen und Linien, die von Anfang an immer untereinander in Bezug stehen. Daraus ergeben sich belebte Räume, Zwischenräume. Und immer ist dabei wichtig: das seelische Umfassen der gesamten Bildfläche. Dabei wird dem Betrachter spür- und sichtbar, wo sich neu wieder eine noch zu wenig bearbeitete Stelle befindet oder wo eine zu grosse Energieanhäufung das Ganze aus dem Gleichgewicht zu bringen droht.

 

So wird Schicht um Schicht über die Bildfläche gezogen oder besser gesagt, in diese hineingearbeitet, so dass immer mehr ein dreidimensionales Gebilde entsteht. Oft kommt es vor, dass das beinahe fertige Gemälde völlig übermalt, ausgewischt, scheinbar zerstört wird, um dann neu hervorgeholt zu werden.

 

Manchmal braucht es nur noch den tanzenden Pinsel, der wie in Trance hier ein Blatt, einen Hain, ein Muster am Kleid berührt, leicht verändert oder die Farbe verstärkt, dort eine Linie des Gebirges verdeutlicht, den Arm eines Kindes besser hervorhebt. Es ist, also ob dieser leicht spielerisch anmutende Tanz auf der Leinwand ungezählte Energiebahnen zöge, bis dass schliesslich alles mit allem in bewegter Beziehung steht.

 

Es ist das Anliegen der Künstlerin, das Dargestellte – sei es die menschliche Gestalt oder eine Landschaft – in seiner ganzen Würde und Schönheit sprechen zu lassen und der beiden Motiven gleichermassen innewohnenden Energie, der Schwingung Raum und Form zu geben.

 

Es ist bei jedem Gemälde ein immer wieder erstaunliches Geschehen, wenn nach mehrwöchiger Arbeit plötzlich diese grosse, vibrierende Kraft spür- und sichtbar wird.

 

Zum einen besteht die Arbeit darin, mit grösster Hingabe und Genauigkeit und mit grossem fachlichem Können und Wissen das wiederzugeben, was sich dem betrachtenden Auge der Malerin zeigt, sozusagen die Realität auf der Leinwand nachzubilden.

 

Zum andern ist es ein Sich-ganz-durchlässig-machen für das, was da aus der eigenen Mitte mit anklingt. So entsteht aus dem konkret gesehenen Dia-Bild ein gleichsam Neues.

 

Lotti Schweizer, Bern

Fotos: Steffan Biffiger 2015